03 - Zwischen Ende und Anfang

Dass es immer einem Ende bedarf, damit auch Neues daraus hervorgeht, daran möchte ich in dieser Sendung gerne anknüpfen. Und es gibt eine kleine Premiere: ich lese euch aus meiner ersten Parabel "Der Traum einer Motte".


Shownotes

Letzte Sendung "Kreislauf des Lebens"

https://www.youtube.com/watch?v=-SMCaBjBvBo&t=4s

 

Der Lebensbaum: Werden, Sein, Vergehen.

www.michaela-mielke.de/lebensbaum

 

Video: Der Lebensbaum und seine Themenwelt

www.youtube.com/watch?v=CSuvoPtJWsc

 

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Die Sendung "Von Sinnbildern & Sinngeschichten"

- alle Episoden auf einen Blick -

 

als Podcast: www.michaela-mielke.de/podcast

bei iTunes: www.itunes.apple.com/de/podcast

im Radio: www.trauer-radio.de

auf YouTube: www.youtube.com

 

* Jeden Monat gibt es eine neue Folge *

Transkript zur Sendung

"An dem Tag, wenn der Tod an deine Tür klopfen wird,

Was wirst du ihm anbieten?

 

Ich werde meinem Gast das volle Gefäß meines Lebens vorsetzen.

Ich werde ihn nicht mit leeren Händen gehen lassen."

 

Dieses Zitat von Tagore ist mir seit langem ein Wegbegleiter. Und zwar nicht nur ein mahnender sondern auch ein ganz liebevoller Wegbegleiter. Denn er besagt, wir wissen nicht um unsere Lebenszeit, aber wir sollten daraus auch etwas Gutes machen, etwas für uns stimmiges. Und vor allem auch immer in der Kraft des jeweiligen Tages. Denn es gibt das Gute, aber auch das weniger Gute. Das Schöne und das Schmerzhafte. Das Traurige, wie auch das Freudige. All das darf auch in diesem Gefäß sein.

 

Und damit willkommen zu einer neuen Folge von Sinnbildern und Sinngeschichten. Ich bin Michaela Mielke und in der letzten Sendung haben wir uns ja einmal den Kreislauf des Lebens angeschaut, die einzelnen Jahreszeiten mit ihren jeweiligen Qualitäten betrachtet und wir sind in den Rhythmus der Natur eingetaucht, dem auch der Lebensbaum folgt und somit auch der Kreislauf von unseren Erlebnissen und Erfahrungen.

 

Dass es immer einem Ende bedarf, damit auch Neues daraus hervorgeht, daran möchte ich heute gerne anknüpfen. Und es gibt eine kleine Premiere: ich lese euch aus meiner ersten Parabel.

 

Alle Infos zum Lebensbaum, den vorangegangenen Episoden und weiterführende Links findet ihr in den Shownotes zur Sendung, also in der Mediathek beim Radiosender, im Podcast auf meiner Website und in der Infobox bei YouTube.

Die Natur schenkt Leben. Und die Natur nimmt Leben.

Diese beiden Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden. Jedes Leben, das des Menschen, der Natur, und auch jedes Erlebnis, jedes Ereignis, jede Situation hat einen Beginn, einen Höhepunkt und auch eine Vollendung.

 

Und dann haben wir da einen Raum … zwischen Ende und Anfang. Und dieses Dazwischen ist die Zeitspanne zwischen dem Sterben und dem Werden, ein Zwischenzustand inmitten von Ende und Anfang. Wie kann man diesen Raum greifbar machen?

In dem Lebensbaum gibt es dafür ein ganz schönes Sinnbild: die Drei Hände.

Da ist die "empfangende Hand", als das, was wir sozusagen für unseren Lebensweg mitbekommen, die Samen und Perlen, die wir in unseren Händen halten. Und darin liegt alles, was wir dem Leben zu geben haben. In manches wollen wir vielleicht auch noch hineinwachsen, und es liegt auch so ein bisschen an uns, was davon zur Blüte kommen darf. Es steht dafür, ja sich dem Leben anvertrauen.

 

Und als Pendant dazu gibt es die "gebende Hand", als ein Symbol, was wir wieder zurückgeben oder wieder abgeben. Und auch als ein Symbol des Loslassens. In dieser Hand liegen die Samen des Verblühten und auch die verlorenen, die verpassten und die unvollendeten Dinge. Es geht auch darum, den Dingen einen guten Abschied zu geben. Und darin liegt kein Aufgeben, wohl aber ein hingeben, ein sich dem Sterben anvertrauen.

 

Und in dem Raum "Dazwischen" sind die Hände als Quelle, quasi als Ursprung, aus dem einerseits etwas entsteht, aus dem wir schöpfen und zu dem wir vielleicht auch wieder zurückkehren, zu einer Quelle des nie versiegenden Wassers, das uns nährt. Und ja, darin liegt auch das Sinnbild, dass, während der Same zur Erde sinkt, mit ihm das Versprechen einer neuen Blüte aufsteigt.  

 

Es gibt da also so ein Dreigespann, wenn man so will. Ein Ende, einen Anfang und ein "Dazwischen". Und diesen Raum finde ich besonders interessant und auch hoffnungsvoll, denn er besagt, dass es einen Raum der Erneuerung gibt, in dem sich alles setzt, um neu befruchtet zu werden.

So kann man sagen, das Sterben bereitet den Weg von etwas Neuem.

Und dieser Weg will auch gegangen werden, denn diese beiden Pole ziehen sich nicht nur einander an, sie bringen sich auch gegenseitig hervor. 

 

Und obwohl das Sterben lebensnotwendig scheint, ist es ja eine traurige und schmerzvolle Erfahrung. Wir kommen irgendwann alle in Berührung mit dem Tod. Sei es durch den Verlust eines geliebten Menschen, bis hin zu unserer eigenen Sterblichkeit. Aber es gibt noch andere Abschiede: Da gibt es Wege, die zu Ende gehen. Es gibt den Abschied von einer Idee, einer Hoffnung, von bestimmten Lebensumständen, die so nicht weitergeführt werden können. Wir sterben viele Tode.

 

Und gerade dann, wenn etwas uns einen Sinn, einen Lebenssinn gab, tut es besonders weh, das gehen zu lassen. Denn es hat etwas Unwiederbringliches, etwas das … unwiderruflich ist. Und irgendwie scheint dieses Dazwischen uns Zeit und Raum genau dafür zu geben. Uns von dem, was an sein Ende gekommen ist, zu lösen, damit ein neuer Weg sich eröffnen kann, auch wenn das zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu benennen oder noch unaussprechlich ist. Das ist vielleicht der tatsächliche Sinn von "Lebe wohl".

Und kaum etwas anderes wirft uns derart auf uns selbst zurück.

Nichts führt uns mehr in die Selbstbegegnung. Und nichts ist schonungslos ehrlicher.

 

Wenn man den Worten Sterbender zuhört, kristallisiert sich oft eines heraus: das man am Lebensende bedauert, sich für die einem wirklich wichtigen Dinge im Leben nicht genug Zeit genommen zu haben, ihnen nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt oder nicht in der Art und Weise hingewendet zu haben, wie man es vielleicht gerne getan hätte. Und auch ein Bedauern, zu oft nicht man selbst gewesen zu sein, sondern so, wie andere einen sehen wollten.

 

Das ist etwas, das mir auch das Zitat von Tagore vermittelt: dem Tod das volle Gefäß seines Lebens vorzusetzen. Das heißt nicht, dass wir große Taten vollbringen müssen, sondern dass wir den Dingen mehr Zeit widmen, die für uns bedeutsam sind. Und dabei man selbst zu sein.

 

. . .

 

Eigentlich zwei recht einfache Ratschläge, die nur in der Herausforderung des Alltags nicht immer leicht umzusetzen sind. Aber vielleicht können wir sie so nehmen, als eine … ja, kleine Notiz an uns selbst :)

 

Und ganz passend dazu, habe habe ich eine kleine Parabel geschrieben, aus der ich euch jetzt lese. Und diese Parabel heißt: "Der Traum einer Motte"

 

Und sie handelt von einer Motte, die ausflog, um etwas anderes zu sein.

 

[Lesung]

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